Darmstadt, 11. Mai 2010 – Es geht wieder aufwärts. Jedenfalls, wenn man das von Daimler und Siemens PLM Software gesponserte 13. ProSTEP iViP Symposium – am 28. und 29. April 2010 zum vierten Mal in Berlin, zum dritten Mal im Ludwig Erhard Haus – als Signal versteht. 350 Teilnehmer: Das war zwar noch nicht die Rekordzahl von 2008, aber bereits wieder 18 Prozent mehr als 2009. Aus zwölf Ländern kamen die Teilnehmer und Referenten von insgesamt 43 Vorträgen. Und mit 19 Anbietern von IT und Dienstleistung war auch die begleitende Ausstellung erneut gewachsen, wie Ulrich Ahle, Siemens IT Solutions and Services und Mitglied des ProSTEP iViP Vorstands, in der Begrüßung erklärte.
Eine der besonderen Stärken des Vereins liegt in der Verbindung von Wissenschaft und Industrie sowie den Anbietern von IT- und Service für die Produktentstehung. Diese Stärke wurde mit dem Symposium in diesem Jahr besonders gut ausgespielt. Die drei Felder brachten sich mit wegweisenden Ideen und Lösungsansätzen ein. Von den Keynotes über Workshops und parallele Vortragssessions bis zum neu eingeführten Scientific Track.
Die Keynotes zu Beginn umrissen das Motto der Veranstaltung, Smarter Solutions for New Products, von allen drei Seiten: Prof. Dr. Bharat Balasubramanian, Direktor Forschung und Vorausentwicklung, Produktinnovation und Prozesstechnologie bei Daimler, erklärte anschaulich, wie stark die Industrie derzeit gefordert ist, viel nützliche Informationstechnik in die Produkte zu integrieren. Moderne Fahrzeuge sind komplexe Systeme aus Mechanik, Elektronik und Software. Systems Engineering ist deshalb längst praktisches Erfordernis.
Entsprechend sind auch die Anbieter von Standardsoftware für die Produktentstehung dabei, ihre Systeme auszubauen und aufzurüsten. Siemens PLM Software, das machte die Keynote von Chuck Grindstaff, Executive Vice President Products und Chief Technology Officer, deutlich, geht hier noch einen Schritt über das Engineering hinaus. Seine Entwickler arbeiten nicht nur an der Unterstützung einer interdisziplinären Funktionsmodellierung über die gesamte Produktentstehung hinweg. Siemens hat auch die Durchgängigkeit in Richtung Fertigung, Automatisierung, Inbetriebnahme und Steuerung im Visier, ein durchgängiges Management von Produkt- und Produktionslebenszyklus.
Prof. Dr. Dieter Kranzlmüller, Ludwig Maximilians Universität München, gab als dritter Hauptredner ein eindrucksvolles Bild von den Brücken, die die Wissenschaft zwischen dem heutigen Stand der Technik und dem enormen Bedarf baut, der sich für die Zukunft abzeichnet. Die Wissenschaft macht vor, was kommerzielle Anbieter derzeit als Cloud Computing zu vermarkten beginnen: den Zusammenschluss riesiger Computernetzwerke weltweit, derzeit an 260 Standorten in 55 Ländern. 200 Virtuelle Organisationen mit über 14.000 Anwendern managen rund 330.000 Jobs pro Tag. Jobs wie das Auslesen von Daten aus dem CERN: an einem einzigen Detektor 40 Terabyte pro Sekunde.
Zwei große Themen zogen sich – neben zahlreichen Vorträgen zum Kernthema PLM und Prozessrestrukturierung – wie ein roter Faden durch das gesamte Programm: einerseits die Beherrschung von Mechatronik und interdisziplinärer Produktentwicklung durch neue Methoden und Tools; andererseits dafür hilfreiche Standards wie JT, das seit dem Herbst 2009 auf dem Weg zur ISO-Norm ist. Nicht zuletzt dank der intensiven Aktivitäten des ProSTEP iViP Vereins in Zusammenarbeit mit dem VDA Arbeitskreis PLM.
Erst wenige Tage vor der Veranstaltung war ein Memorandum of Understanding zwischen Siemens PLM Software und dem ProSTEP iViP Verein bekannt gegeben worden, durch das dem Input der im Verein zusammengeschlossenen Anwender auch für die weitere Entwicklung des neutralen Datenformats JT besonderes Gewicht beigemessen wird. Wie übrigens auch für die mögliche Standardisierung eines anderen, ebenfalls von Siemens PLM entwickelten Formats zum Austausch von Metadaten in Richtung Fertigung und nachfolgende Prozesse: PLM XML.
Ein beeindruckendes Plädoyer für einen anderen durch den Verein vorangetriebenen Standard hielt James DeLaPorte, PLM-Projektmanager bei Gulfstream Aerospace. Was muss ein Flugzeughersteller tun, um gesetzeskonform sicherzustellen, dass seine Produktdaten auch 50 Jahre nach ihrer Erstellung noch lesbar sind? Er speichert sie im neutralen STEP-Format. Jede Nacht gibt es eine Komplettsicherung, wobei jede einzelne Datei eine verschlüsselte Signatur erhält. Sie muss identisch sein mit der des Vortags. Taucht bei diesem Monitoring eine Abweichung auf, wird sofort gehandelt und für Übereinstimmung gesorgt. DeLaPorte: „Warum sind die Daten damit auch in 50 Jahren noch sicher? Eben weil es nur reine Daten sind, unabhängig von irgendeinem Programm und dessen proprietärem Format.“
In den Scientific Tracks des zweiten Tages wurden zahlreiche Projekte vorgestellt, in denen sich Forschung und Lehre bemühen, die Lücke zu schließen zwischen dem Bedarf der Industrie und dem Angebot der Standardsoftwarehersteller. Drei Beispiele: Funktionale Modelle, die Daten aus beliebigen Systemen zu repräsentieren vermögen, das gibt es derzeit nur als Ergebnis eines Forschungsprojektes am Fraunhofer IGD in Darmstadt, das André Stork erläuterte. Das Fraunhofer IPK in Berlin arbeitet unter Leitung von Prof. Dr. Rainer Stark im Konsortialprojekt ISYPROM an einer durchgängigen Prozessintegration durch visuellen Austausch von Systemmodellen zur PLM-Integration des Systems Engineering. Wie dort ist auch bei Prof. Dr. Kristina Shea, TU München, SysML die Modelliersprache. In München wird damit eine Art Designkatalog entwickelt, der Ingenieuren in der Konzeptphase vordefinierte Komponenten und Elemente für die Gestaltung von Funktionsmodellen zur Verfügung stellen soll.
Selten wurde technologischer Fortschritt so umfassend adressiert wie auf diesem Symposium. Und selten waren dabei die Forschungsprojekte und Erfahrungsberichte so konkret und so nah an den brennenden Themen der industriellen Praxis. Das gegenüber dem Vorjahr deutlich gestiegene Interesse an der Veranstaltung und die intensiven Gespräche während der begleitenden Ausstellung unterstreichen, was aktuelle Untersuchungen zeigen: Die Industrie am Standort Deutschland ist dabei, mit neuen Ideen und Produkten aus der Krise zu gehen. Dass ihnen dabei der Verein eine wichtige Stütze ist, hat das Symposium eindrücklich bestätigt.
Über den ProSTEP iViP Verein
Der ProSTEP iViP Verein ist eine internationale Branchengemeinschaft führender Unternehmen aus der Automobil- und Luft- & Raumfahrtindustrie, Systemanbieter und Forschungseinrichtungen. Ziel ist es, die durch vernetzte Zusammenarbeit in einem weltweiten Entwicklungsverbund resultierenden, herausfordernden Aufgaben für die Fertigungsindustrie zu lösen.
Grundgedanke ist dabei die ganzheitliche organisationen- und domänenübergreifende Betrachtung von Daten, Prozessen und Systemen. Die fünf Leitthemen des Vereins verdeutlichen diesen Ansatz: Prozessmanagement, Systemintegration, Produktdatenstandardisierung, Engineering Collaboration und Wissenstransfer.
Der ProSTEP iViP Verein mit Sitz in Darmstadt wurde im Oktober 1993 von 38 Industrieunternehmen sowie mehreren Systemanbietern als Teil der deutschen STEP-Initiative gegründet. Mittlerweile zählt der Verein rund 200 Unternehmen und Organisationen aus 17 Ländern als Mitglieder.